zurück

Was uns auf den Nägeln brennt

Die zunehmende Arbeitslosigkeit in vielen Ländern der Europäischen Union lässt in der Bevölkerung vermehrt Ängste um die eigene berufliche Existenz und den sozialen Status auftreten. Experten bemühen einen historischen Vergleich mit der Weltwirtschaftskrise am Ende der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts und fürchten den Anstieg totalitärer Gesinnungen. Der Themenabend zeigt den Alltag von Arbeitslosen in Dänemark, Frankreich und Deutschland.
Auch das Jahr 2006 wird für Europa ein schwieriges Jahr. In vielen Ländern des Kontinents bleibt die Arbeitslosigkeit auf hohem Niveau. Und aus der EU-Erweiterung und den Folgen der Globalisierung werden zusehends Ängste um den Job abgeleitet. Daneben gibt es eine wachsende Zahl von Beschäftigten, die ihren Lebensunterhalt nicht mehr durch einen Job allein erwirtschaften können. Sie arbeiten zum Teil buchstäblich auf mehreren Baustellen und nehmen Lohnkürzungen hin aus Sorge, ganz aus dem Arbeitsleben auszuscheiden und den sozialen Halt zu verlieren. Experten befürchten als Folge von Massenarbeitslosigkeit totalitäre Verwerfungen und bemühen historische Vergleiche. Dabei gibt es durchaus Wege, das Problem Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen, wie Beispiele aus der EU zeigen. Der Themenabend beschreibt in Reportagen und Dokumentationen aus Deutschland, Frankreich und Dänemark die Realität der Arbeitslosen. Wozu sind Menschen heute bereit, um in Lohn und Brot zu bleiben? Und inwieweit sind historische Vergleiche zur ersten Weltwirtschaftskrise in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts stichhaltig?

Teil 1: 1929 - Millionen ohne Job
Dokumentation, Deutschland 2006, Erstausstrahlung
Regie: Christian Schulz, Carsten Opitz

Der Dokumentarfilm beschreibt die erste Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929 und ihre dramatischen Folgen. Er zeigt außerdem, wie manche der heutigen Rezepte zur Bewältigung der Arbeitslosigkeit schon vor fast 80 Jahren als Heilmittel staatlicher Arbeitsmarktpolitik zur Anwendung kamen - mit unterschiedlichem Erfolg.

Das Jahr 1929 markiert einen tiefen Einschnitt in der Wirtschaftsgeschichte. Am 24. Oktober 1929, dem so genannten Schwarzen Freitag nimmt die erste tatsächliche Weltwirtschaftskrise ihren Anfang. Sie treibt ein Heer von Industriearbeitern in Arbeitslosigkeit und Armut und weite Teile der Mittelschicht der betroffenen Länder in den Ruin. In Deutschland stehen fünf Millionen Arbeitnehmer innerhalb kurzer Zeit auf der Straße. Frankreich erreichen die Folgen der Weltwirtschaftskrise erst 1931, aber nicht weniger stark. Firmenzusammenbrüche wie bei Citroën in Frankreich und den Bleicher-Werken in Leipzig werden für viele Beschäftigte zur persönlichen Katastrophe angesichts mangelnder sozialer Absicherung. Ganze Industriezweige verschwinden wie die weltberühmte Seidenstickerei im Vogtland. Die Arbeitslosen werden oft zu Obdachlosen und wandern auf Jobsuche von Ort zu Ort. Der Staat reagiert mit Verlängerung der Arbeitszeiten, Lohnsenkungen und Senkung der ohnehin geringen staatlichen Unterstützung. Rezepte, die auch heute in Europa wieder auf dem Tisch liegen.

Teil 2: Schuften bis zum Umfallen
Dokumentation, Deutschland 2006, Erstausstrahlung
Regie: Ute von der Lieth, Anke Kossira, Peter Heusch, Burkhard Kunst

Die Reportage schaut hinter die Kulissen einer sich rasant verändernden Arbeitswelt und hinterfragt die mobile Leistungsgesellschaft. Die, die einen Arbeitsplatz haben, schuften immer häufiger bis zum Umfallen und nehmen für einen Arbeitsplatz - und damit finanzielle Absicherung ihrer Familie - weite Wege in Kauf.

Kerstin Schmidt ergeht es wie vielen Menschen in Deutschland. Die 35-Jährige ist eine Ich-AG: Ob Pausenversorgung, Bügelservice, Tagesmutter oder Kindergartenabholdienst - die Mutter von zwei Kindern schuftet bis zu zwölf Stunden am Tag. Reich wird sie dabei nicht. Wer ihr zuschaut, fragt sich, wie sie das schafft. Die 27-jährige Yasmina Chaieb hat ihr Studium mit dem Schwerpunkt Kunstbetrieb im vergangenen Herbst abgeschlossen. Jetzt sucht sie einen Job in der Bretagne. Doch für eine Stelle gibt es zehn Bewerber. Yasmina bezieht RMI, das entspricht der deutschen Sozialhilfe, ungefähr 420 Euro im Monat. Sie lebt mit ihrem Freund in einer Zweizimmerwohnung. Um über die Runden zu kommen, muss sie monatlich mindestens 200 bis 300 Euro zusätzlich verdienen, mit Babysitten und Teilzeitjobs, die ihr über zwei Agenturen vermittelt werden. Manch einer hat sich ganz auf ein Pendlerleben eingestellt, mit allen Konsequenzen für die Familie. Wieder andere sind zu Job-Nomaden geworden. Sie ziehen mit dem Wohnwagen von Billigjob zu Billigjob. Die Globalisierung, die EU-Osterweiterung und die hohe Arbeitslosigkeit verlangen eine mobile Gesellschaft. Die Reportage begleitet Deutsche und Franzosen durch ihren schwierigen Arbeitsalltag.

Teil 3: Arbeitslos - chancenlos?
Reportage, Deutschland 2006, Erstausstrahlung
Regie: Frank Diederichs

Die Reportage begleitet die Leiterin einer Agentur für Arbeit, eine Arbeitsvermittlerin und eine Arbeitslose in Deutschland durch ihren jeweiligen Alltag. Deutlich wird, dass trotz aller Reformversuche, die staatliche Stellen in den letzten Jahren in Deutschland auf den Weg gebracht haben, die Situation auf dem Arbeitsmarkt eher frustrierend ist. Mut machen könnte vielleicht ein Blick ins Nachbarland Dänemark. Dort ist die Regierung offensichtlich besser in der Lage, das Problem Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen.

Zu Beginn des Jahres 2006 gibt es in Deutschland fünf Millionen Arbeitslose, aber lediglich 350.000 freie Stellen. Die Arbeitslosigkeit ist bereits chronisch und frisst sich in die Seelen der Betroffenen, die mit Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit reagieren. Patentrezepte gegen diese Situation gibt es nicht. Die Reportage begleitet Frau Lang, Leiterin einer Agentur für Arbeit, und die Arbeitsvermittlerin Frau Boin durch ihren Arbeitsalltag. Sie versuchen es ihren Kunden - Arbeitslosen und Betrieben - recht zu machen. Doch ihre Erfolge sind eher bescheiden. Bedrückend ist die Situation der arbeitslosen Frau Hoyer. Sie ist nicht einmal mehr wütend, eher resigniert. Über 150 Absagen erhielt sie allein im vergangenen Jahr. Das zehrt, und der Frust sitzt tief. Staatliche Stellen haben in Deutschland in den letzten Jahren viel reformiert und probiert: Ein-Euro-Job, ABM, private Vermittler. Aber wie ein Land wirklich aus diesem Strudel der Arbeitslosigkeit kommt, weiß kaum einer in Europa - außer den Dänen vielleicht. In Hörring (Nord-Jütland) besucht die Reportage ein verfallenes Fabrikgelände. Bis zum Frühjahr 2005 arbeiteten hier circa 480 Leute in einem Schlachtbetrieb. Dann kam das Aus. Heute, zehn Monate später, haben bereits über 430 der Entlassenen wieder Arbeit - und das in der strukturschwächsten Region des Landes. Die Reportage versucht einen Vergleich der Systeme anzustellen sowie Lösungsansätze und Fehlentwicklungen aufzuzeigen.

 
...Der Text wurde 1:1 von arte übernommen, die werden schon nix dagegen haben...