EUROPA: EIN KONTINENT MACHT DICHT

An den Außengrenzen der EU werden täglich Flüchtlinge bei dem Versuch aufgegriffen, illegal nach Europa einzureisen. Sie kommen immer häufiger aus armen afrikanischen Ländern und versuchen in seeuntauglichen Booten über das Mittelmeer nach Spanien oder Italien zu gelangen. Oder sie verstecken sich auf Containerschiffen in der Hoffnung, sich in einem mitteleuropäischen Hafen an Land schleichen zu können. Doch die Behörden der Europäischen Union greifen immer härter gegen Flüchtlinge durch. So sprechen Polizeibeamte oft automatisch eine "Zurückweisung" aus, bevor die Aufgegriffenen überhaupt politisches Asyl beantragen können. Und Deutschland und Italien wollen in Zukunft Asylbewerber aus Afrika schon auf afrikanischem Boden abfangen. Der Themenabend beschreibt die Konsolidierung der Festung Europa, zeigt auf der anderen Seite jedoch auch, dass Flüchtlinge bereit sind, sehr hohe Risiken einzugehen, um dem Elend im eigenen Land zu entkommen und das vermeintliche Paradies Europa zu erreichen.
 

Teil 1: Europas neue Mauern
Dokumentation, Deutschland 2004, Erstausstrahlung
Regie: Richard Klug, Ulli Neuhoff

Immer mehr Geld wird in Europa für den Schutz der Außengrenzen ausgegeben. Die Europäische Union macht mobil gegen einen wachsenden Strom illegaler Einwanderer. Die Flüchtlinge, die häufig aus den armen Ländern Afrikas auf den reichen europäischen Kontinent drängen, sollen nach neuesten Vorstellungen schon in ihren Heimatländern abgefangen werden. Der Film zeigt die Bemühungen, die EU zur Festung auszubauen und die Folgen für die Menschen innerhalb und außerhalb Europas.

Das reiche Europa wird mit Milliardenbeträgen zur Festung gegen die Armen dieser Welt ausgebaut. Grenzbeamte kontrollieren mit Nachtsichtgeräten, Thermokameras und Schnellbooten die Außengrenzen der Europäischen Union und greifen nahezu täglich Menschen bei dem Versuch auf, illegal nach Europa zu gelangen. Das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen hält dagegen, dass die Zahl der Asylbewerber in der EU kontinuierlich abnehme. Sie sei auf dem niedrigsten Stand seit 17 Jahren. Außerdem sei die Menge der Immigranten beherrschbar, man könne viele sogar als Arbeitskräfte einsetzen. Die Innenminister der EU aber setzen auf Abschreckung. Die Angst vor dem islamistischen Terrorismus wird als Argument einer restriktiven Einwanderungspolitik missbraucht. Vor diesem Hintergrund gelangen biometrische Daten in europäische Pässe. Die EU-weiten Standards für eine gemeinsame Asyl- und Flüchtlingspolitik sind auf den kleinsten gemeinsamen Nenner festgelegt worden. Und Deutschland und Italien wollen afrikanische Asylbewerber schon auf afrikanischem Boden abfangen. Der Film zeigt die Bemühungen, die "Festung Europa" zu konsolidieren, aber auch ihre Bruchstellen und die Folgen für die Menschen innerhalb und außerhalb Europas.

Teil 2: Meer der Hoffnung, Meer des Todes
Dokumentation, Deutschland 2004, Erstausstrahlung
Regie: Mouhcine El Ghomri

Hunderte, vielleicht sogar Tausende von Flüchtlingen, die von Nordafrika aus versucht haben ins vermeintliche Paradies Europa zu gelangen, mussten ihren Traum mit dem Leben bezahlen. Für die Hinterbliebenen kommt zur Trauer oft noch ein riesiger Schuldenberg hinzu. Denn die Flüchtlinge mussten ihre Helfer im Voraus bezahlen und haben für dieses Geld oft hohe Kredite aufgenommen.


In Marokkos Dörfern und Städten tragen immer mehr Frauen Trauer. Es sind die Mütter und Witwen jener, die auf dem Weg ins vermeintliche Paradies Europa ertrunken sind. Ihre Zahl geht in die Hunderte, vielleicht sind es auch schon Tausende. Denn von spanischer Seite werden nur die Toten gezählt, die an die eigene Küste angeschwemmt werden, und auf marokkanischer Seite wird keine Statistik geführt. Die Hinterbliebenen müssen aber nicht nur mit ihrem Leid fertig werden, sondern auch mit den Schulden, die die Toten hinterlassen. Um illegal von Menschenhändlern nach Spanien gebracht zu werden, hatten sich die Flüchtlinge Geld geliehen, oft auch bei Wucherern. Und bezahlt wird für die Überfahrt mit ungewissem Ausgang im Voraus. Ende Oktober 2003 verunglückte vor der spanischen Küste bei Cádiz ein Flüchtlingsboot mit 55 Menschen an Bord. Nur vier überlebten. Die Reportage zeigt die schwierige Situation der Hinterbliebenen des Unglücks, das das Schlimmste dieser Art in Spanien war. So verlor etwa die Berber-Sippe der Hansala im Atlasgebirge bei Cádiz zwölf Familienangehörige. Der Film macht aber auch die Beweggründe der Menschen deutlich, die ihr Leben für ihren Traum von Europa aufs Spiel setzen.

Teil 3: Klopfzeichen aus dem Container
Dokumentation, Deutschland 2004
(Regie: Manfred Studer

Etwa 100 Flüchtlinge, die als blinde Passagiere in Containerschiffen versuchen nach Deutschland zu kommen, werden jährlich aus dem Hamburger Freihafen gemeldet. Die Beamten der Wasserschutzpolizei reagieren schnell, um einem Asylantrag der Flüchtlinge zuvorzukommen und um sie auf Kosten der Schiffseigentümer in ihre Heimatländer zurückschicken zu können.

Ein Matrose meldet "merkwürdige Geräusche aus dem Frachtraum" an die Brücke. Der Kapitän lässt den fraglichen Container öffnen und entdeckt im Halbdunkel drei Schwarzafrikaner. "Help us!" ist alles, was sie hervorbringen. Seit das Schiff vor zehn Tagen die Elfenbeinküste verlassen hat, haben sie sich von nichts anderem als Wasser und Keksen ernährt. Wie sie sich an Bord schleichen konnten, ist dem Kapitän ein Rätsel. Jährlich werden im Hamburger Freihafen an die 100 solcher "Einschleicher" gemeldet. Und jedes Mal die gleiche Prozedur: Die Wasserschutzpolizei rückt an, die Reederei alarmiert ihre Versicherung und von der Arbeitsgemeinschaft "Blinde Passagiere" ist man bemüht, den armen Kerlen noch vor der polizeilichen Vernehmung zu einem Asylantrag zu verhelfen. Meistens jedoch zu spät. Die Beamten haben, auch wenn es ihnen Leid tut, schon die "Zurückweisung" ausgesprochen. Damit ist sichergestellt, dass die ungebetenen Gäste in ihr Heimatland zurückkehren müssen - auf Kosten der Schiffseigentümer, die darüber natürlich nicht begeistert sind. Die Reportage zeichnet den Horrortrip einiger "Einschleicher" im Bauch eines Schiffes nach. Zwei afrikanischen Flüchtlingen, die nach ihrer Rückführung in Lagos untergetaucht sind, folgt sie bis nach Nigeria.

Teil 4: Ohne Pass und Perspektiven
Dokumentation, Deutschland 2003, Erstausstrahlung
Regie: Alexia Späth

Die Dokumentation begleitet Menschen, die ohne Aufenthaltsrecht illegal in Deutschland leben, die ein Schattendasein führen und sich - ohne jegliche Perspektive - von Tag zu Tag neu mit ihrer Umgebung arrangieren müssen.

Schätzungsweise eine Million so genannter "illegaler" Flüchtlinge leben in Deutschland. Sie besitzen keine Aufenthaltserlaubnis und arbeiten ohne Genehmigung, sind nicht versichert und zahlen keine Steuern. Meist leben sie in ständiger Sorge, von der Polizei entdeckt und aufgegriffen zu werden. Zwar haben sie die Mauern der "Festung Europa" überwunden, doch der Preis ist hoch: Sie führen ein Leben ohne Pass, Papiere und Rechte. Zum Beispiel lebt die 76-jährige Kurdin Anna seit sechs Jahren heimlich in Deutschland. Ihre acht Kinder flüchteten aus der Türkei vor Übergriffen der türkischen Polizei, Armut und Arbeitslosigkeit. Annas Kinder haben inzwischen ein Aufenthaltsrecht in Deutschland. Anna selbst jedoch bekommt die Papiere nicht. Sie versteckt sich bei den Kindern. Aus Angst davor, entdeckt zu werden, flüchtet sie von Woche zu Woche zum nächsten Sohn, zur nächsten Tochter. Im Unterschied zu anderen EU-Ländern wird in Deutschland der illegale Aufenthalt als Straftat verfolgt. Krankenhäuser, Ärzte und Schulen sind verpflichtet, Illegale den Behörden zu melden. Wer die Flüchtlinge unterstützt, macht sich strafbar. Manche helfen trotzdem: Pfarrer, Ärzte, Schuldirektoren und ehrenamtliche Helfer. Sie sind überzeugt: "Kein Mensch ist illegal".

 
...Der Text wurde 1:1 von arte übernommen, die werden schon nix dagegen haben...