QUO VADIS VATIKAN?

Wo steht die Kirche heute – nach den über sechsundzwanzig Jahren des Pontifikats von Johannes Paul II.? Verliert sie ihre traditionellen Einflusszonen und wird sie sich neue erschließen können? In welchen Bereichen und auf welche Art und Weise wird sie sich weiterentwickeln können? Der heutige Themenabend versucht eine Bestandsaufnahme der Katholischen Kirche nach dem Ende der Ära von Johannes Paul II. und wirft die brennenden Fragen auf, denen sich der neue Papst wird stellen müssen.
 

Teil 1: Trotz allem katholisch
Dokumentation von Stéphane Bégoin
45 min

Die Katholische Kirche taugt nicht länger als Modell: Die Kritik von innen wird immer lauter, widerstrebende Strömungen bedrohen die Einheit der Kirche. So kehren ihr die Gläubigen in Scharen den Rücken, und nur wenige fassen den Beschluss, ihr Leben in den Dienst der Kirche zu stellen.

Im Stil eines Road-Movie führt die Dokumentation nach Frankreich, Deutschland, in die Tschechische Republik und nach Portugal und versucht eine Bestandsaufnahme der Katholischen Kirche in Europa, einer Kirche, die innerhalb von 30 Jahren nicht weniger als die Hälfte ihrer Repräsentanten verloren hat. Albert Dedeker, ein aus Belgien stammender Priester, weiß, wovon er redet: In der Normandie ist er als „Turbo-Priester“ bekannt, als ein Kirchendiener, der unter der Last der ihm anvertrauten 39 Gemeinden ächzt.
Es fehlt der Kirche an Nachwuchs. Dennoch will sie noch immer nichts von denen wissen, die schon längst auf den Plan getreten sind, aber von der Kirche bewusst nicht wahrgenommen werden: gemeint sind die Frauen. In München ist eine Frau angetreten, um eine Kirche zu provozieren, die „die Frauen verteufelt“: Gisela Forster hat sich zur Bischöfin weihen lassen. Die Antwort der Kirche auf diesen mutigen Schritt war die Exkommunikation von Gisela Forster.
In Osteuropa mag die Lage anders sein, aber auch dort ist die Katholische Kirche nicht bereit, auch nur um einen Deut von ihren dogmatischen Positionen abzurücken. Jenseits des Eisernen Vorhangs hatte der Kommunismus für das Heranwachsen eines neuen Typs von Priestern gesorgt: um der Verfolgung zu entgehen, hatten sie mit der Zustimmung der ranghöheren Kirchenverantwortlichen geheiratet und ihren Gottesdienst im Untergrund gefeiert. Als dann die Mauern fielen, mussten sie miterleben, wie sie durch den Heiligen Stuhl abgelehnt wurden, wie er sie schlicht und einfach mit dem Bann belegte. Nur allzu offensichtlich sind dies Situationen, in denen die Wirklichkeit zumindest nicht beachtet und sicher nicht berücksichtigt wird. Da mag es nicht verwundern, dass sich Tag für Tag immer mehr Gläubige durch eine traditionelle Kirche, die sie als kalt und unzeitgemäß empfinden, brüskiert fühlen und sich daher den freikirchlichen Pfingstgemeinden zuwenden. In Portugal finden sich besonders anschauliche Beispiele für diese Entwicklung. Ob freikirchlich-charismatische Pfingstgemeinden oder „Renouveau Charismatique“ (Charismatische Erneuerung) – immer wieder entfliehen Gläubige dem Schoß der Vatikan-Kirche, wie zum Beispiel die im Film vorgestellte Schwester Marie-Benoît. Sie gehört einer dieser charismatischen Gemeinden an, in denen jedes Mitglied das Armutsgelübde abgelegt hat, um nach einer Spiritualität zu streben, die den Wurzeln des Christentums näher kommt. Die Stationen des Films machen die Vielzahl der Erwartungen, kritischen Fragen und Zweifel deutlich. Die Kernfrage, die diese Dokumentation aufwirft, lautet: Wird die Katholische Kirche es sich noch lange leisten können, auf den überfälligen Reformprozess zu verzichten?

Teil 2: Weit, weit weg von Rom - Kirche jenseits der Wohlstandsländer
Dokumentation von Gonzalo Arijon
52 min

Die Römisch-Katholische Kirche ist unteilbar und sie spricht mit einer Stimme – der Stimme Roms. So heißt es in allen Kirchentexten. Dabei haben die verschiedenen Kirchen – weitab vom Vatikan – mit den disparatesten Situationen fertig zu werden. Mit Problemlagen, die oftmals nichts mit Europa oder mit der Demokratie zu tun haben.


Die erste Etappe dieser Reise führt uns weit weg von Rom – nach Thiès im Senegal. Wenn Alexandre Mbengue, der Vikar der Diözese, dort eine Predigt hält, dann spricht er zu Gläubigen, deren Kontinent in besonderem Maße von Aids heimgesucht wird, und die klare Antworten von ihrer Kirche erwarten – zum Beispiel in Sachen Kondom, dessen Verwendung Rom nach wie vor untersagt. Mutig ringen diese Kirchendiener am anderen Ende der Welt darum, die römischen Dogmen den nackten Realitäten vor Ort anzupassen.
Eine weitere Station unserer Reise ist China, wo die romtreuen Katholiken geheime Messen feiern und dabei ihre Freiheit, wenn nicht sogar ihr Leben aufs Spiel setzen. Der Vatikan tut so, als nehme er sie nicht wahr – zu sehr ist er interessiert an der Wiederherstellung von offiziellen Beziehungen zu Peking. Es ist eine Annäherung, bei der das dornenvolle Schicksal der dortigen Priester zu einem nachrangigen Bilanzposten wird. Dabei gehören sie zu jenen, die manchmal dreißig Jahre lang in finsteren Arbeitlagern festgehalten wurden.
In Lateinamerika bietet die Kirche von El Salvador ein äußerst zwiespältiges Bild: Auf der einen Seite leistet Erzbischof Lacalle als Repräsentant der dogmatischen Linie und des Opus Dei für eine Minderheit von Wohlhabenden seinen Dienst Gottes. Auf der anderen stehen Priester, die in enger Verzahnung mit einer ebenso armen wie gläubigen Bevölkerung der Theologie der Befreiung konkret Gestalt geben.
All dies sind Beispiele, die fernab von Rom deutlich machen, wie zahllose Gläubige Tag für Tag neue Wege finden und finden müssen, um ihren Glauben im Alltag zu leben, während sich die Römisch-Katholische Kirche auch heute noch allzu oft als monolithisches Modell darstellt, als unzeitgemäß und in vieler Hinsicht unangemessen.

Teil 3: Gesprächsrunde
Moderation : Hervé Claude

 
...Der Text wurde 1:1 von arte übernommen, die werden schon nix dagegen haben...