zurück Was wird aus unseren Arbeitern?

Was ist von der Arbeiterklasse übrig geblieben? Haben Restrukturierung, Automatisierung und Standortverlagerung zum Verschwinden der Arbeiterklasse geführt? Ist ein Arbeiter, der vom Fließband zum Rechner übergewechselt ist, noch ein Arbeiter? Haben die Restrukturierungen der letzten 30 Jahre die Arbeiterklasse wesentlich verändert? Ein Themenabend über die Folgen der Umwälzungen in Wirtschaft und Industrie aus der Sicht der Betroffenen anhand eines deutschen und eines französischen Beispiels, die beide repräsentativ für den Wandel der Arbeitswelt in Europa sind.

Teil 1
Decazeville, eine Stadt wird entsorgt

Dokumentarfilm, Frankreich 2004, Erstausstrahlung
Regie: Gérard Raynal

Die Region um den Bergbau- und Stahlindustriestandort Decazeville im Südwesten Frankreichs ist in den letzten 40 Jahren zu einem sozialen Brennpunkt mit hoher Arbeitslosigkeit geworden. Im Mittelpunkt der Dokumentation stehen Porträts und Aussagen von Männern und Frauen, die vergebliche Umstrukturierungsversuche erlebt haben und die versuchen, die fatale Lage konstruktiv anzugehen und wieder aufzubauen, was zerstört wurde.

Die Stadt Decazeville liegt im Südwesten Frankreichs. Weihnachten 1828 wurde hier vom Herzog Decaze der erste Hochofen eingeweiht, und die Region entwickelte sich zum Zentrum eines Industrie- und Bergwerkbeckens. Die Geschichte dieser Gegend war lange von harten Arbeitsbedingungen, heftigen sozialen Kämpfen und einer starken Einwanderung von Arbeitskräften aus verschiedenen europäischen Ländern geprägt. Im Mai 1960 fiel der Entschluss, den unrentabel gewordenen Kohleabbau in Decazeville einzustellen. Diese Maßnahme stand im Zusammenhang mit der von der "Montanunion" vorgesehenen Schaffung eines europäischen Binnenmarktes für Kohle und Stahl. Die Antwort der Arbeiter von Decazeville war der längste Streik der Bergarbeitergeschichte. Von Dezember 1961 bis Februar 1962 wurden Schächte besetzt, gleichzeitig traten zahlreiche Arbeiter in einen Hungerstreik. Der Konflikt erschütterte ganz Frankreich. Heute, nach 40 Jahren gescheiterten Strukturwandels, zahlreichen Finanzskandalen und nicht eingelösten Umschulungs- und Wiederbeschäftigungsversprechen ist das Becken von Decazeville völlig heruntergewirtschaftet. Die katastrophalen Auswirkungen einer verfehlten Politik in Sachen Entindustrialisierung sind in dieser Region exemplarisch abzulesen. Die Dokumentation veranschaulicht überzeugend die Warnung des französischen Politikers Mendès-France, die er nach seiner Rückkehr aus Decazeville während des großen Streiks im Winter 1961/62 aussprach: "Man kann den Menschen nicht wie ein Werkzeug behandeln, das man ergreift, hier und dort benutzt und schließlich weglegt."

 

Teil 3: Weil du auch ein Arbeiter bist
Dokumentation, Frankreich 2005, Erstausstrahlung
Regie: Markus Reher

Die Dokumentation untersucht das Selbstverständnis der gegenwärtigen Arbeiterschaft in Deutschland. Sie stellt die Frage, ob es noch eine Arbeiterklasse und damit eine Arbeiterkultur gibt, nachdem durch den Strukturwandel der letzten Jahrzehnte die Zahl der Industriearbeiter immer weiter gesunken ist und auch die Tätigkeiten völlig neue Formen angenommen haben.

Was ist von der Arbeiterklasse übrig geblieben? Haben Restrukturierung, Automatisierung und Globalisierung in den letzten 30 Jahren zur Überwindung der Arbeiterklasse geführt? Ist ein Arbeiter, der vom Fließband zum Rechner gewechselt ist, noch ein Arbeiter? Diese Fragen versucht die Dokumentation in Gesprächen mit deutschen Arbeitern zu beantworten. Zwar liegt auf der Hand, dass die heutige Arbeiterklasse mit der von früher nicht mehr viel gemein hat, aber Industriearbeiter gibt es nach wie vor. Als in Berlin die Mauer fiel, waren es in Deutschland 14 Millionen, heute sind es noch zehn Millionen. Zu Wort kommen Arbeiter aus verschiedenen Industriezweigen und mit unterschiedlichem Status. Neben dem Facharbeiter, der stolz auf seine Verantwortung ist, und dem umgeschulten Bergarbeiter äußert sich die Teilzeitarbeiterin, die auf keinerlei gewerkschaftliche Unterstützung hoffen kann. Sie alle berichten über Statusveränderung, sich wandelnde Arbeitsverhältnisse, ihre Ängste und Zweifel. Was hat die Arbeiteridentität von heute mit der zu tun, mit der die heutigen Arbeiter groß geworden oder zumindest in die Arbeitswelt eingetreten sind? Eine Identität, die sie - selbst wenn sie noch jung sind - einer Zeit nachtrauern lässt, in der "Arbeiterklasse" noch gleichbedeutend war mit "Arbeiterkultur".

 
...Der Text wurde 1:1 von arte übernommen, die werden schon nix dagegen haben...