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Das "Neue Große Spiel" - Zentralasien am Scheideweg

Im 19. Jahrhundert ging der Kampf Großbritanniens und Russlands um Zentralasien als "The Great Game" in die Geschichte ein. Heute sind Russland und die USA die Hauptakteure im politischen Kampf um die Führungsrolle in der Region, während der Nachbar China seinen wirtschaftlichen Einfluss immer mehr vergrößert. Daneben versuchen islamistische Kreise aus dem arabischen Raum einen zentralasiatischen Brückenkopf zu bilden. Im Zentrum des neuen "großen Spiels" stehen die fünf ehemaligen Sowjetrepubliken Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan.
Zentralasien ist auch ohne Einmischung von außen einer der gefährlichsten Krisenherde unserer Zeit. Tadschikistan erlebt einen immer noch schwelenden Bürgerkrieg, in dem afghanische Drogenbarone und russische Militärs kräftig mitmischen. In Turkmenistan terrorisiert ein größenwahnsinniger Diktator die Bevölkerung. Seit der Revolte in Kirgisistan eifern ihm die Alleinherrscher Kasachstans und Usbekistans bei der Wahl ihrer Unterdrückungsmethoden kräftig nach. Ernste ökonomische Probleme, ausgebliebene Reformen, die autoritäre Natur der Regimes, fehlende Freiheitsrechte und nicht vorhandene politische Alternativen sind die Hauptursachen der sich verschärfenden Krise, von der auch fundamentalistische Gruppen profitieren. Dabei ist die Region eigentlich reich. Riesige Erdöl- und Erdgasvorkommen in der kaspischen Senke machen Turkmenistan und Kasachstan zu begehrten Rohstofflieferanten. Usbekistan gehört zu den wichtigsten Baumwollproduzenten und Kirgisistan hat sich zum Scharnier des wachsenden Chinahandels entwickelt. Die geostrategische Lage Zentralasiens ist für die außenpolitischen Ziele sowohl Russlands als auch der USA von unschätzbarem Wert. Von hier aus sind es nur Katzensprünge zu fast allen Krisenregionen der Welt. Und so errichten unter dem Motto "Kampf gegen den Terrorismus" Russen und Amerikaner einen Militärstützpunkt nach dem anderen. Um ihren Einfluss auch in Zukunft zu sichern, tolerieren Moskau und Washington auch gröbste Menschenrechtsverletzungen. Demokratische Verhältnisse in den zentralasiatischen Ländern liegen dabei gar nicht in ihrem Interesse.

Teil 1: Usbekistan - Abwehr der Wahabiten
Dokumentation, Deutschland 2005, Erstausstrahlung
Regie: Stephan Kühnrich

Auch in Usbekistan gibt es extreme und gewaltbereite Islamisten. Hier berufen sie sich auf den arabischen Vordenker Abdul Wahab und nennen sich Wahabiten. Die Staatsmacht bekämpft sie gnadenlos. Deutlich wird in der Dokumentation allerdings auch, dass sich die Mehrheit der usbekischen Muslime von den Extremisten nicht täuschen lässt und an Toleranz und Weltoffenheit festhält.

Viele Usbeken träumen vom Gottesstaat, vom Kalifat und von mittelalterlichen Gesetzen. Nach ihrem arabischen Vordenker, Abdul Wahab, nennen sie sich Wahabiten. Einige von ihnen sind bereit, für ihren verirrten Glauben zu töten. Radikale Islamisten verüben Bombenanschläge, nehmen Geiseln und liefern sich Feuergefechte mit der Polizei. 49 Tote und über 100 Verletzte lautet die Terrorbilanz eines einzigen Jahres. Allerdings ist das Regime des Präsidenten Karimow nicht frei von Schuld. Mit brutalen Mitteln geht die Staatsmacht gegen jeden vor, der im Verdacht steht, ein Wahabit zu sein. Wahabit und Terrorist bedeuten in der Sprache der Regierung dasselbe. Treffen kann dieser Vorwurf jeden. So wird mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft, wer Kindern privaten Religionsunterricht erteilt. Und auf die Mitwirkung in einer nicht amtlich registrierten religiösen Gruppe stehen bis zu fünf Jahre Gefängnis. Auch als das Regime auf Demonstranten in Andischan schießen ließ, versuchte die Staatsführung ihr Eingreifen als "Abwehr der Wahabiten" zu legitimieren. In der Dokumentation wird aber auch deutlich, dass sich die überwiegende Mehrheit der usbekischen Muslime nicht von radikalen Islamisten täuschen lässt. Zahlreiche Gespräche in Taschkent, Namangan, Samarkand und Buchara vermitteln ein Bild von Toleranz und Weltoffenheit.

Teil 2: Wasser für Anahita
Dokumentation, Deutschland 2005, Erstausstrahlung
Regie: Elke Windisch

Der Aralsee war einst der viertgrößte Binnensee der Welt. Heute ist er zu vier Fünfteln ausgetrocknet und hat eine riesige Salzwüste in der zentralasiatischen Region hinterlassen. Die Dokumentation zeichnet die Umweltkatastrophe nach und analysiert die Gründe.

Vor langer Zeit, als die Erde noch jung war, spielten 40 Götter hoch oben in der großen blauen Jurte mit Edelsteinen. Dabei entglitt ihnen ein riesengroßer, strahlend schöner Türkis. Er fiel zur Erde und landete mitten in der Wüste Zentralasiens. So erzählt eine Legende die Entstehung des Aralsees. Die Wirklichkeit steht in hartem Kontrast dazu. Noch vor 40 Jahren der weltweit viertgrößte Binnensee - mit 60.000 Quadratkilometern so groß wie die Schweiz -, ist der Aral inzwischen zu vier Fünfteln ausgetrocknet. Wahnwitzige Bewässerungspläne für den Baumwollanbau sind der Grund. Baumwolle wurde Zentralasien von Moskau aus schon Mitte der 20er Jahre als Monokultur verordnet. Sie ist auch nach dem Ende des Kommunismus der wichtigste Devisenbringer für die Staaten der Region. Als der Eiserne Vorhang 1991 endgültig fiel, erfuhr die Welt erstmals von der Tragödie der Aral-Region. Die Dokumentation greift das Thema 15 Jahre später erneut auf und verfolgt die Veränderungen. Zu Wort kommen vor allem die Bewohner der Region: Kasachen, Usbeken und Kirgisen. So auch Ortabay, ein ehemaliger Fischer, der den inzwischen 250 Kilometer entfernten See vor 27 Jahren zum letzten Mal sah. Ihn und seinen fünfjährigen Enkel, der das große Wasser noch nie gesehen hat, begleitet die Dokumentation. Vom Flugzeug aus lässt sich erkennen, dass der einstige See längst zur Salzwüste wurde und dass eine Umweltkatastrophe stattgefunden hat, die allmählich ganz Zentralasien erfasst. Der erste Schuss dort könnte nicht um die Öl- und Gasreserven der Region fallen, sondern um ein Gut, das inzwischen mindestens so kostbar wie Energie ist - Wasser.

Teil 3: Das kirgisische Pokerspiel
Dokumentation, Deutschland 2005, Erstausstrahlung
Regie: Marina Perekrestova

Kirgisistan kommt auch nach der so genannten Tulpenrevolution nicht zur Ruhe. Das zentralasiatische Land ist sowohl für Russland als auch für die USA von strategischer Bedeutung. Und das Nachbarland China hat sich zum wichtigsten Wirtschaftspartner entwickelt. Die Reisereportage beschreibt aber nicht nur die politische Situation des Landes, sondern zeigt auch seine zahlreichen Naturschönheiten.

Die Reportage beginnt mit dem Mord an einem Politiker, der sich während der Dreharbeiten ereignete. In Kirgisistan ist ein solcher Vorfall keine Sensation. Seit der so genannten Tulpenrevolution sind politische Morde an der Tagesordnung. Der Kampf um die Macht in der strategisch wichtigen Republik ist längst nicht ausgestanden. Hinter den Kulissen sind vor allem Russland und die USA daran beteiligt. Beide Staaten unterhalten Luftwaffenbasen in Kirgisistan. Das Nachbarland China hat sich unterdessen zur dominierenden Wirtschaftsmacht in der Region entwickelt. Die politische Reisereportage zeigt Menschen aus verschiedenen Landesteilen und ihre unterschiedlichen Interessenlagen. Regisseurin Marina Perekrestova hat sowohl den verarmten Süden besucht als auch den vom Handel lebenden Norden und die Touristenorte am Issik Kul, dem Meer der Kirgisen. Ganz nebenbei ist dabei auch ein Bild des schönsten Teils der alten Seidenstraße entstanden mit den atemberaubenden Landschaften auf dem Dach Zentralasiens.

 
...Der Text wurde 1:1 von arte übernommen, die werden schon nix dagegen haben...